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Ausstellung
HARTMUT BÖHM
AUSLEGUNGEN
DATUM 22. Nov. 2014 - 24. Jan. 2015 Ort DIEHL

Hartmut Böhm, Auslegungen, Installationsansicht @ DIEHL 2014/2015

Hartmut Böhm

Auslegungen

 

Die „Tischstücke“ – ein Bruch im Schaffen Hartmut Böhms? 

 

Hartmut Böhm, der seit über 50 Jahren kontinuierlich ein qualitativ herausragendes Oeuvre entwickelt hat, präsentiert nun in der Galerie Volker Diehl erstmals seine 2014 begonnene Werkreihe der „Tischstücke“. Obgleich vielfältig im Ergebnis, ist deren Grundprinzip schnell erklärt: Diverse nicht nachträglich veränderte Fundstücke aus seinem Atelier ordnet Böhm auf einer Tisch-ähnlichen Konstruktion an, ehe diese Auslegung dauerhaft fixiert wird.

Böhms Trouvaillen sind dabei meist industriell fabrizierte Gegenstände. Dem Fundort entsprechend handelt es sich oft um Werkzeuge, Hilfsmittel oder Aufbewahrungsbehältnisse, wie etwa Messschieber, Klebeband-Rollen, Schleifblöcke, Anspitzer, CD-Hüllen, Karteikästen, Schrauben- oder Dübelpackungen. Ebenso finden eine Vielzahl weiterer Objekte wie etwa Bilderrahmen, Ausstellungskataloge oder Einladungen Verwendung. Daneben verarbeitet Böhm Reststücke aus seiner Kunstproduktion, zum Beispiel die für sein Schaffen typischen Plexiglastafeln, Halbzeug wie Stahlprofile oder den Verschnitt von MDF-Platten. Schließlich werden auch Abbildungen seiner Werke oder sogar ganze, zuvor autonome künstlerische Arbeiten einigen „Tischstücken“ einverleibt. Neben dem eigentlichen Kunstwerk erhalten wir derart einen für Böhm ungewöhnlich intimen Einblick in das Umfeld des Künstlers.

 

Dies ist nicht die einzige Neuerung, welche die im Gesamtschaffen zunächst überraschende Werkgruppe so besonders macht. Wer etwa hätte noch vor einem Jahr eine Readymade-Zusammenstellung in einem Objekt Böhms erwartet, wer einen Tisch? Für viele hatte sich dergleichen kaum angekündigt. Und so mag mancher in den „Tischstücken“ sogar einen Bruch zu Böhms vorherigem Schaffen erkennen. Doch ist diese Einschätzung gerechtfertigt?

 

Zunächst mag Böhms Gebrauch von Alltagsgegenständen verwundern. Betrachtet man jedoch das Oeuvre dieses Künstlers genauer, wird deutlich, dass Böhm bereits in den 1980er Jahren diesen Weg eingeschlagen hat  – wenn auch weniger augenscheinlich. Denn die stilistische Herkunft Böhms und der Kontext der Rezeption in Ausstellungen und Kunstpublikationen bewirken, dass wir in dessen Arbeiten oft geneigt sind, sein Ursprungsmaterial zugunsten von dessen geometrischer Formensprache zu übersehen. Eher realisieren wir somit, zu was Böhm die Objekte transformiert hat und weniger, was sie zu Beginn einmal waren. Die blockhaften oder linearen Gestaltungselemente einiger „Progressionen gegen Unendlich“ etwa – eigentlich vorgefertigte Stahlprofile. Die aufgerichteten Quadrate einer titellosen Bodenarbeit von 1991 für Reutlingen – gewöhnliche Gehwegplatten aus grauem Betonstein. Somit hielt das Profane, wenn auch noch in Form von Halbzeug und Baumaterial, schon seit langem Einzug in das Schaffen dieses Künstlers.

 

Böhms aktuelles Medium – eine Verschmelzung von Möbel und Bild(relief) – ist innovativ, selbst wenn es im Deutschen oder Italienischen bereits im Begriff der „Tafel“ beziehungsweise „tavola“ eine analoge Doppelbedeutung gibt. Mindestens seit dem „Abendmahl“ ist der Tisch in der Kunst geläufiges Motiv, als künstlerische Gattung bleibt er aber ungewöhnlich. Doch sogar hierfür finden sich Vorläufer in Böhms Oeuvre. Das Prinzip der Aufsicht etwa wurde bereits in seinen Bodenarbeiten der 1980/90er-Jahre antizipiert. Er selbst stellt zudem insbesondere einen Bezug zu einer Ausstellungssituation her, die im Jahre 2002 in der Stiftung für konkrete Kunst in Reutlingen zu sehen war. Dort präsentierte er eine seiner Zeichnungs-Werkgruppen zwischen Glasplatten, die schräg an die Wand gelehnt waren und demnach eine Betrachtung von oben bedingten. Genau wie dort sind auch in den „Tischstücken“ Assoziationen an Studienkabinette, in denen Interessenten preziöse Objekte zur intensiven Betrachtung auf einem Tisch präsentiert bekommen, beabsichtigt.[1]

 

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der als Erklärung dienen kann, weshalb Böhm sich nicht für aufhängbare Reliefs als Präsentationsform seiner Auslegungen entschieden hat. Es ist der Bezug der Kunst zum realen Raum und dessen Gestaltungsmöglichkeiten – Themen, denen Böhm mit seinen ortsabhängigen Installationen schon seit Jahrzehnten nachgeht.[2] Für den Betrachter haben insbesondere die „Tischstücke“ einen größeren Einfluss auf den Raum als Wandobjekte, da bodengebundene Arbeiten per se Fläche beanspruchen, die der Kunst-Rezipient für sich als Standort nicht mehr einnehmen kann. Derart verliert jener zwar die Möglichkeit, sich gänzlich frei im Raum zu bewegen oder zu positionieren. Er gewinnt jedoch die Freiheit, die „Tischstücke“ zu umrunden und von allen Seiten gleichermaßen wahrzunehmen. Fasst man zudem diese Werkreihe als Gesamtensemble auf, so ändert sich etwas weiteres fundamental: das Publikum befindet sich nun nicht mehr auf Distanz vor dem Kunstwerk, sondern direkt in ihm.

Typisch für Böhm ist, dass seine „Tischstücke“ durchaus einer Programmatik folgen. Denn keinesfalls sind sie bloße Agglomerationen des Zufalls oder aus dem Moment heraus entstandene Stimmungsbilder. Vielmehr behandelt jedes „Tischstück“ ein spezifisches Thema, indem der Künstler jeweils solche Elemente zusammenstellt, die nach bestimmten Kriterien wie etwa Farbe, Material oder Ästhetik eine verbindende Gemeinsamkeit besitzen. So existieren „Tischstücke“ aus vorwiegend schwarzen oder grünen Objekten, während sich zwei andere mit Ideen von „Dekonstruktion“ und „Material und Maßstab“ befassen. Ein weiteres lotet das Verhältnis von Eisen und Kunststoff respektive Fülle des Konvoluts und Leere der Fläche aus. Die einzelnen Elemente bedeuten somit für sich immer etwas anderes, als in der Gesamtheit. 

Nach wie vor bleibt die Formensprache, obwohl auf Fundstücken basierend, streng geometrisch. Es dominieren Quadrate, Rechtecke, Würfel und Quader, die von linearen Elementen, etwa einem Stift oder schmalem T-Profil, flankiert werden. Auch sind die „Tischstücke“ in sich zwar vielteilig und mehrschichtig. Böhm bändigt jedoch das potenzielle Chaos, indem er die Elemente entweder parallel, bündig oder rechtwinklig zueinander anordnet.

 

Daneben lassen sich übergeordnet weitere unerwartete Übereinstimmungen zwischen den Materialien der „Tischstücke“ und Böhms vorangegangenem Schaffen entdecken. Die in ihrer Box der Größe nach parallel angeordneten Schraubendreher – erinnern sie nicht an die progressiv zunehmende Strichstärke seiner „Bleistiftlinien-Programme“ der 1970er-Jahre? Wird das Prinzip der Schattenfuge nicht im zusammengeklappten, seitlich montierten Gliedermaßstab ebenso wirksam, wie in Böhms „Gegenüberstellungen“ und „Schnittzeichnungen“? Spielte das Licht, welches nun von Kunststoffe-Zeichendreieck oder Kassettenhülle reflektiert wird, nicht schon in den frühesten Arbeiten Böhms eine wichtige Rolle? Und ähneln die Lamellen der weißen Kunststoff-Lüftungsschlitze nicht denen von Böhms „Streifenreliefs“ aus Plexiglas?

 

Es wird immer offensichtlicher, dass es den vermeintlichen Bruch zwischen den „Tischstücken“ und Böhms bisherigem Oeuvre im Grunde gar nicht gibt. Vielmehr kann auch diese Werkreihe als Schritt einer fortlaufenden Entwicklung im Schaffen Böhms gewertet werden. Dementsprechend bleibt der Künstler seinem selbstgesteckten Ziel treu, sich nicht zu verleugnen, jedoch seine Grenzen zu erweitern. Denn Böhm will sich nicht durch Dogmen einschränken lassen. Derart gerät selbst der unvorhersehbare Ausbruch aus den Schranken zu einem für Hartmut Böhms Werksgenese kontinuierlichen Charakteristikum.

 

Frederik Schikowski

 

 

[1] Vgl. Uwe Fleckner: Geteilte Ansichten. Die Reutlinger Zeichnungen von Hartmut Böhm, in: Kat. Ausst. Ansicht diagonal. 115 Zeichnungen im Raum. Stiftung für konkrete Kunst, Reutlingen 2002. Reutlingen 2002, S. 46-49, hier S. 46-47.

[2] Vgl. Uwe Fleckner: An Ort und Stelle. Grundsätzliches zu den Arbeiten in situ im Werk von Hartmut Böhm, in: Kat. Ausst. Hartmut Böhm. An Ort und Stelle. Verein für aktuelle Kunst / Ruhrgebiet e.V., Oberhausen 1995. O. O. 1995, S. 4-28.