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KP Brehmer, Rohstoffpreis für Zink, Monats- Höchst- und Tiefkurse, Juli 1978-März 1979
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Günther Uecker - Waldgarten
DATUM 14. Sep. 2021 - 31. Dec. 2021
Günther Uecker
Ein Künstler in ständiger Aktion

Die Galerie Diehl eröffnet, neben ihrer Zentral-Bastion in der Niebuhrstraße, ihren zweiten Ausstellungsraum in einer Remise in Berlin-Charlottenburg mit der Präsentation des Skulpturen-Ensembles „Waldgarten“ von Guenther Uecker aus dem Jahr 2008. Die dreiteilige „Baum-Skulptur“ ist eine der bedeutendsten Arbeiten aus der Reihe der „Nagelwälder“, mit denen Uecker einem Grundprinzip seines Werkes folgt, das zunehmend fragile Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu beschreiben und die Zerstörung der Fundamente menschlicher Existenz ins Bild künstlerischer Aktion zu setzen. In den Worten des Künstlers: „...ich habe versucht, mit Bildern auszudrücken […], dass der Mensch durch den Menschen gefährdet ist in höchstem Maße, bis zum Auslöschen seiner selbst.“1 


Das Aggressive wie das Schützende finden in einem dialektischen In- und Gegeneinander zusammen in dem Skulpturen-Ensemble „Waldgarten“, 2008, das die Galerie Diehl jetzt vorstellt. Es ist die mit ihren über 2m hohen Stämmen wohl mächtigste Arbeit in der Reihe der „Nagelwälder“, die Uecker über die Jahre geschaffen hat. Unter dem Titel „Kunstpranger“ war 1984 die erste Baumskulptur durch Benagelung einer gefällten Ulme in der Galerie Brusten in Wuppertal entstanden. Weitere, zumeist mehrteilige Werke folgten. 

 

Der „Waldgarten“ besteht aus drei Teiles des Stammes einer französischen Linde, deren zart ziselierte Oberfläche Uecker an seinem oberen Ende zum Teil mit Schlieren aus Beton versiegelt hat. Den Kopf dieser Stämme hat er mit einem Hagel von Nägeln, jeweils 30 cm lang, Einschlag für Einschlag, Nagel neben Nagel nahezu vollständig okkupiert. Während der Stahlhagel und der Betonstrom, der die Versiegelung natürlicher Böden assoziativ mit sich führt, davon zeugen, dass dieser Baum in einer Aktion aggressiv traktiert wurde – so steht dem doch entgegen, dass der Nagelwald auf dem Kopf jedes Stammes anmutet wie eine bergende Blüte, die aus dem „toten“ Stamm sprießend neues Leben zu versprechen scheint. Jenseits rettender Maßnahmen keimt hier so auch die Idee der rigiden Neu-Pflanzung auf, wie Uecker sie in vielen seiner Plantagen-Aktionen bereits in den Raum gestellt hat. 

 

Aggressive Aktion und die Hoffnung auf das Bergende, Tod und Leben, Lichtung und Dunkelheit fallen im Skulpturen-Ensemble „Waldgarten“ in eigenartiger Weise ineinander und umkreisen so die Wirklichkeit der Bedrohung, der zweifelsohne der Baum als Stamm des Lebens in unserer Gegenwart ausgesetzt ist.



Es ist offenkundig, dass Uecker mit diesem Skulpturen-Ensemble die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen in den Blick nimmt, die erst jetzt, Jahrzehnte nach den ersten Anzeichen und Prognosen das Bewusstsein der Gesellschaft langsam erreichen. Er tut dies, weil er ein Künstler ist, der in Bildern redet, in den poetischen Konstellationen, die er aufgrund seiner konzisen Haltung und hohen Meisterschaft zu erschaffen in der Lage ist.

 

Wie kaum ein anderer Künstler hat Günther Uecker in den vergangenen Jahrzehnten mit seinen Werken und Aktionen, deren Vielfalt – auch jenseits der Vielfalt des Nagels – beeindruckend ist, gegen eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Formen der Zerstörung von Grundbedingungen der menschlichen Existenz überall auf dieser Welt und Kulturen umspannend angekämpft. Dabei findet er an die Existenz rührende Bilder für das aggressive Potential der menschlichen Seinsweise hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Natur und nicht zu integrierender menschlicher Lebensformen. In seinen Aktionen, Bildern, Installationen und Filmen, zeichnet er das Bild einer Welt, wie es die Hochglanzbilder der Konsum-getriebenen Industrienationen gern verhüllen. Uecker hingegen nagelt die Welt in ihrem nackten Zustand fest.


Claudio Magris hat diesen Vorgang der in die Zukunft weisenden Entzauberung der Welt einmal so beschrieben: „Die Entzauberung, die die Utopie berichtigt, verstärkt deren grundlegendes Element, die Hoffnung. ... Die Hoffnung entspringt nicht einer beruhigenden und optimistischen Anschauung der Welt, sondern der Zerrissenheit der unverhüllt gelebten und erlittenen Existenz, die ein unstillbares Bedürfnis nach Erlösung erzeugt. Das radikale Böse – die radikale Sinnlosigkeit, in der die Welt sich zeigt – muss bis ins Letzte erforscht werden, damit man ihm in der Hoffnung entgegentreten kann, es zu überwinden.“2

 

Günther Uecker ist als Forschungsreisender in dieser Sache seit sieben Jahrzehnten unterwegs. Die tiefgreifende Bedeutung seines Werkes beginnen wir gerade erst in ihrem vollen Umfang zu erfassen.

 

Carsten Ahrens

 

 

Anmerkungen

 

1 Statement von Günther Uecker, 1988, zitiert nach: Günther Uecker, „Eine Retrospektive“, mit einem Text von Dieter Honisch, Publikation zur Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle München, Hirmer Verlag, München 1993, S. unpaginiert

 

2 Claudio Magris, „Utopie und Entzauberung“, in: Ders., „Utopie und Entzauberung – Geschichten, Hoffnungen und Illusionen der Moderne“, München 2002, S. 15

 

Fotografie © Marcus Schneider