CHRISTIANE MÖBUS

RETTE SICH WER KANN

CHRISTIANE MÖBUS
29.02.2020 15.05.2020
DIEHL
RETTE SICH WER KANN

Zwei Rettungsboote erfüllen den Raum der Galerie. Aufgebockt auf massigen Holzbohlen aber verdrängen sie hier kein Wasser, sind nicht in ihrem Element, sondern versperren den Raum, in dem im Normalfall die Betrachter vor den Werken der Kunst sinnierend frei flanieren. Aber hier ist kein Freiraum - schon gar nicht zum Flanieren - und auch das Rettende nicht. Denn jedes der beiden Boote, die qua Aufschrift Rettung versprechen für 10 Personen, ist voll. Und sie sind trockengelegt. Trocken wie die Heuballen, die sich aus dem Inneren der Boote in die Höhe des Raumes türmen. Zu Quadern gepresst und so in das praktikable Maß gebracht, das wir von Containern kennen, verdrängen auch die gestapelten Ballen Raum und versperren das Areal gänzlich. Und trotz des vertraut sommerlichen Geruchs, mit dem das Heu den Raum zusätzlich erfüllt, will hier keine Nestwärme entstehen. Das Fruchtbare ist dieser Ladung längst genommen. Hier ist kein Platz, kein Raum. Es waltet Enge und Bedrängnis und das Versprechen auf Rettung, es bleibt ein fahles Versprechen. Uneinlösbar. Das Boot ist voll.

Rette sich wer kann, nennt Christiane Möbus eine ihrer eindringlichsten Arbeiten. In der englischen Übersetzung wird rigider noch deutlich, was das bedeutet: every man for himself. Die noch hoffnungsgeladene Sehnsucht nach Rettung, wie sie im Kürzel SOS als save our souls noch anklingt, ist hier längst verklungen. „Frauen und Kinder zuerst“, wir kennen das vom symbolträchtigen Untergang der Titanic, Schall und Rauch in dem Moment, da die ethischen Systeme in sich zusammenfallen, in dem es allein gilt, das eigene Leben zu retten.
Der moralische Appell, er verflüchtigt sich im Indivi-Duell. Ihn zu retten so müßig wie die Suche nach einer Stecknadel im Dickicht der Heuhaufen. In diesem Moment gilt allein der spitze Ellenbogen, der enge Tunnelblick des eigenen Ich, das Verdrängen des Anderen, denn das Boot ist voll - rette sich wer kann.

2001 hat Christiane Möbus diese Arbeit erstmals ausgestellt. Im Jahr, in dem die Twin Towers in New York als Symbol der Macht der westlichen Weltsicht nach einem brutalen terroristischen Anschlag in sich zusammenfielen. Die trügerische Hoffnung des Westens, dass nach dem Fall der Berliner Mauer die Welt jenseits der alten Konflikte neu zusammenwachsen würde, zerriss - und sie bleibt zerrissen bis heute.

Das Schiff, das Boot, das Ruder - es sind Metaphern des Untergangs ebenso wie Zeichen der Sehnsucht nach einer selbstbestimmten Reise. Christiane Möbus hat diese Materialien in ihrem Werk immer wieder ins Spiel gebracht. Nicht zuletzt als Motiv der nomadischen Reise des Künstlerischen, das einem Kompass folgt und doch seinen Zielhafen nie kennt. Neugier auf das Andere, das Experiment, das die Fragezeichen nicht scheut, Lust auf Erkenntnisse, die vage bleiben und flüchtig sind - dies sind die Koordinaten einer Kunst, die den Vektoren des Lebens nachspürt und sie anklingen lässt; aber niemals der Versuchung erliegt, ihnen ihr Geheimnis zu nehmen.

Im Jahr 2015, erneut also in einem neuralgischen Moment unserer politischen Geschichte, hat Christiane Möbus „rette sich wer kann“ ein weiteres Mal inszeniert. Diesmal erschien die Arbeit zeitgleich mit dem dramatischen Höhepunkt der Migrationsbewegungen, als die überraschend aus dem Nichts entstehende Willkommenskultur in unserem Land sich zusehends sowohl realen Problemen als auch Metaphern von Wellen und vollen Booten gegenübersah. Ein Riss züngelt seither durch die Gesellschaften, durch Europa.

Da die dominanten wirtschaftlichen Systeme der Welt in ihrem Kern die Maxime „every man for himself“ in immer neuen Masken eines clash der Kulturen ausbuchstabieren, zeigt sich die Welt als umfassend nicht integrierbar. Neue Grenzen werden gezogen. Boote sind voll. Einzelne Nationen retten sich in ihre vermeintlich Gott gegebene Stärke. Sie retten sich vor dem Anderen. Vor dem Fremden. Vor dem, was den eigenen Lebenshabitus attackiert. Und warum auch nicht. My Home Is My Castle. Und was sollte zwingen, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Und wer ist das - der Nächste? Und darf diese Nähe noch selbst bestimmt werden oder wird sie definiert durch die Sprachrohre einer eindimensional formulierenden Political Correctness?

„Dont forget the real world“ heißt eine frühe Arbeit von Christiane Möbus, die im Kontext von „rette sich wer kann“ steht - und dieser Titel scheint mir wie ein Programm, wie die Maxime einer Künstlerin, deren poetische Inszenierungen immer mit leichter Hand komplexe Vorgänge im Kern zu treffen vermögen - und dabei offen bleiben für Weltsichten, die anders sind als die gängigen. „Rette sich wer kann“ ist eine solche poetische Verdichtung, die entlang der zentralen Konflikte unserer Zeit sinnhaft züngelt und in immer neuen Konstellationen des Hier und Jetzt herausfordert Position zu beziehen.

Die intuitive Einsicht, dass Eindimensionalität der Bedeutung ein Akt der Brutalität ist, dies scheint mir der Pulsschlag eines Werkes zu sein, dessen Genauigkeit wie dessen Stille sich gerade in unseren Zeiten so sehr abhebt von dem oberflächlichen Geschrei einer vermeintlich politischen Kunst, die in ostentativer Propaganda allein die eigene Seele streichelt, wenn sie Rettungswesten zum Exponat erklärt.

Wir dürfen gespannt sein, welche Fragen sich heute an „rette sich wer kann“ entzünden, im Jahr 2020, da die Boote bei Volker Diehl in Berlin angelandet sind.

Dass die Frage der Rettung bis heute in jedem Falle auch eine Frage von Oberdeck und Unterdeck ist, das zumindest klingt aus den 33 Gesängen von Hans Magnus Enzensbergers „Untergang der Titanic“:

„Achtung Achtung! Frauen und Kinder zuerst! - Wieso eigentlich?
Antwort: We are prepared to go down like gentlemen. -
Auch gut. - Sechzehnhundert bleiben zurück. Die Ruhe an Bord
ist unvorstellbar. - Hier spricht der Kapitän. Es ist genau
zwei Uhr, und ich befehle: Rette sich wer kann! - Musik!
Zur letzten Nummer erhebt der Kapellmeister seinen Stock.“

Carsten Ahrens