DIETER HACKER

DER KÜNSTLER ALS AMOKLÄUFER

DIETER HACKER
15.09.2018 17.11.2018
DIEHL
DER KÜNSTLER ALS AMOKLÄUFER

Wir leben in einer Zeit, in der die umfassende Ökonomisierung aller Lebensbereiche auch die einmal als Widerhaken und Gegenwelt vorgestellte Sphäre der zeitgenössischen Kunst längst durchdrungen hat. Künstlerischer Wert wird heute vornehmlich in Valuta gemessen. In einer solchen Zeit macht es tiefen Sinn, das Werk von Dieter Hacker erneut gezielt in den Blick zu nehmen.

Nach dem Studium an der Akademie der bildenden Künste in München, beginnt der 1942 in Augsburg geborene Dieter Hacker in den 1960er Jahren seine künstlerische Karriere auf der Höhe der Zeit mit Experimenten in den Gefilden der konzeptuellen Kunst. Von Beginn an geht es ihm nicht um eine geschmäcklerische Ästhetik des l’art pour l’art, sondern um die Reflektion der Möglichkeiten eines zeitgemäßen künstlerischen Ausdrucks, die Hacker in zahlreichen experimentellen Werkserien verfolgt. Anvisiert wird eine künstlerische Sprache, die das Denken herausfordert, das Denken über die Welt und in der Verlängerung diese selbst verändert. Nach ersten kleinen Erfolgen, die den Künstler sukzessive in die geheimnisvolle Welt des Kunstmarktes führen, macht Hacker erste Erfahrungen mit Galeristen: „Damit fing es an: dass ich mit einer Mordswut von Genua nach Berlin zurückfuhr und mir überlegte, wie ich mich rächen könnte. Dem Galeristen Francesco M. hatte ich vor ein paar Stunden Prügel angedroht, hatte meine Arbeiten wieder eingepackt und war, wie gesagt, vor mich hinschimpfend zurückgefahren. Dabei war gar nichts Dramatisches passiert, und vermutlich versteht der Galerist heute noch nicht, was eigentlich los war. Er hatte sich nur mir gegenüber genauso verhalten, wie er das gewöhnlich tat bei den Künstlern, mit denen er zusammenarbeitete.“

Noch auf der Rückfahrt fällt Hacker die Entscheidung seine eigene Galerie in Berlin zu gründen, eine Produzentengalerie – zunächst in der Grainauerstraße in Schöneberg und später in der Schaperstraße. Ein Ladenlokal mit großem Schaufenster, Atelier und Galerie in einem, ein öffentlicher Ort der Kunstproduktion. Das Plakat zur ersten Eröffnung gerät zum Pamphlet: „Tötet Euren Galeristen. Kollegen. Gründet Eure eigene Galerie. Gründet eine Produzentengalerie“ und der zarte Humor Hackers ziert diesen Aufruf mit dem Motiv einer Gartenschere als denkbarem Instrument dieser Aktion.

Seitdem folgt die Kunst Dieter Hackers auf verästelten Wegen der Maxime „Die politische Arbeit des Künstlers beginnt bei seiner Arbeit“.

Über Jahrzehnte war die so benannte 7. Produzentengalerie in Berlin in diesem Sinne ein Ort der Auseinandersetzung mit und der Suche nach den Möglichkeiten der künstlerischen Sprache in unserer Zeit. „Kritik des Konstruktivismus“, „Dumme Bilder“, „Kunstkritik ist ein stumpfes Messer“, „Ich bin ein Rebell gegen den Staat“, „politisch fotografieren“ oder „Bilder übers Malen“ – zu Gast in der Galerie René Block – sind nur einige Titel der zahlreichen Ausstellungen. Einen gewichtigen Schwerpunkt bildete die Ausstellungsserie „Volksfoto“, in der Hacker Ansätzen einer anderen Kunstsprache in den Werken von Amateurfotografen nachforschte. Das ZKM in Karlsruhe zeigt zur Zeit die Arbeit der Produzentengalerie Dieter Hackers in einer retrospektiven Übersicht.

1974 gerät Hacker überraschend selbst in den Sog der Malerei. „Die Ausstellung ‚Welchen Sinn hat malen?‘ war ein erster Versuch, die Probleme zeitgenössischer Malerei zu reflektieren, sie war aber andererseits für mich der Auslöser, auch selbst mit dem Malen anzufangen.“ In einem 2. Versuch von „Welchen Sinn hat Malen“ im März 1975 malt Dieter Hacker sein erstes Bild in der für das Publikum geöffneten Ausstellung. Gleichzeitig sammelt er die Kommentare und Gespräche der Besucher auf Tonband. Als das Bild fertig ist, kommen Tonbänder, Vorarbeiten und Malmaterialien in einen Sack, der zum Bild gehört. Denn ohne die Kommentare ist das Bild unvollständig, es kann seine Problematik allein nicht erklären. Hacker hatte den Plan, das dieses erste malerische Experiment auch sein letztes sein sollte. Aber er hatte Blut geleckt. Seither ist der Künstler Dieter Hacker auch Maler, der mit seinen Bildern über das Medium der Malerei reflektiert. Malerei über Malerei.

Wir geben an dieser Stelle den sprachlichen Reflektionen des Künstlers über Malerei Raum, als Stakkato der Thesen, die seine Bilder flankieren:

Malerei ist etwas Künstliches.“

Ob der politische Maler nun will oder nicht – dadurch, dass er die Malerei wählt, um sich zu artikulieren, werden seine Bilder nach den Gesetzen des Kunstmarktes verwertet – falls er überhaupt bis zum Kunstmarkt vordringt. Und das bedeutet doch wohl die Zerstörung seiner Intentionen.“

Was also kann man tun? Ist der Widerspruch zu lösen zwischen der Autonomie der Kunst, aus der sie ihre utopischen Möglichkeiten zieht, und der damit aber auch verbundenen Distanz zur Wirklichkeit? ... Den schnellen Ausweg gibt es sicher nicht. ...

Die einzige Möglichkeit sehe ich in der langfristigen Arbeit an einer Veränderung des heutigen Kunstbegriffes. Diese Arbeit müssen Künstler machen. Denn Künstler haben auf ihrem Gebiet die Macht der Wertsetzung.“

Künstler müssen also erstmal ihren Verstand öffnen, um den hochgradigen Verfall ihres Arbeitsgebietes sehen zu können. In diesen Verfallsprozess ist alles verstrickt: die künstlerischen Medien, das künstlerische Selbstverständnis, die Ausbildung und die Vermittler wie Galerien, Museen, Kunstkritik.“

Die Rolle, die der Künstler innerhalb der Gesellschaft für sich formuliert ist dabei von entscheidender Bedeutung und es ist erstaunlich, das Dieter Hackers Formulierungen aus den 1970er und 1980er Jahren in diesen Zusammenhängen bis heute aber auch keine Silbe ihrer Aktualität eingebüßt haben:

Auch heute noch ist die verbreitete Lieblingsvorstellung vom Künstler, die des freien, starken Individuums, das seine Individualität zum Zentrum seiner Weltbetrachtung macht. Dass dieses naive Künstlerbild, das selbstverständlich auch die Künstler selbst gerne pflegen, zu all den albernen Privatismen führt, aus denen die zeitgenössische Kunst überwiegend besteht, muss schon daran liegen, dass in ihm der grundlegende Wandel nicht reflektiert ist, dem der Begriff des Individuums in der Industriegesellschaft unterworfen ist.

Das idealistische Bild vom freien und selbstbewussten Künstler ist ja eigentlich das Bild vom nicht angepassten, gar oppositionellem Geist. Und tatsächlich entspricht dies auch der utopischen Funktion der Kunst, die immer gleichzeitig Kritik des Bestehenden ist. Der Künstler, der noch an seiner traditionellen Rolle als Rebell festhält, steht aber vielleicht nicht mehr im Widerstand zur Gesellschaft, in der er arbeitet, sondern er erfüllt die Erwartungen, die die Gesellschaft an ihn stellt.

Ohne dass er selber an seinem Status etwas geändert hätte, wird aus dem Rebell der Staatskünstler. Staatskünstler in dem Sinne, dass er die von der Gesellschaft gestellten Erwartungen befriedigt und mit seiner Kunst nur noch ausschmückt, was besteht. Die Rolle des Rebellen (im altmodischen Sinn) wird von der Gesellschaft goutiert, denn sie bringt etwas Farbe ins sonst doch recht graue Gesellschaftsbild. Der Rebell mutiert zum Staatskünstler – gerade weil er sich nicht geändert hat.“

Was also ist Dieter Hacker?“, fragte Wieland Schmied anlässlich einer Übersichtsausstellung über die 7. Produzentengalerie 1981 in der daad-Galerie. „Sicher ein Anreger und Querkopf, ein Mann der nicht leben kann, ohne zu reflektieren, einer der meint, der Berliner Kunstszene mangele es ein wenig am Salz der Unruhe...“ Und sicher ist auch, dass Dieter Hacker zu jenen Künstlern zählt, die unsere Zeit braucht, wenn es gilt die Kunst in ihr Recht zu setzen.

Carsten Ahrens