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internet doesn’t allow me to forget you
DATUM 18. Mar. 2016 - 23. Apr. 2016 Ort DiehlCUBE
JULIA NEFEDOVA, LENA VAZHENINA

#BFF

 

internet doesn’t allow me to forget you

 

Es gibt seit einigen Jahren die Möglichkeit der Begegnungen in den Sozialen Medien. Ich nutze sie überwiegend für meine Kunstleidenschaft und für die politische Information unter Freunden. Der überwiegende Teil dieser Begenungen bleibt natürlich virtuell. Viele der "Freunde" hat man nie, und wird man wohl auch nie persönlich kennen lernen. Aber hier und da entstehen auch neue Bekanntschaften. Häufig bin ich Ausstellungen, Kunstwerken und Künstlern dort begegnet oder aufmerksam gemacht worden, die ich kaum oder gar nicht kannte. Umgekehrt informiere ich meinen Verteiler über die Aktivitäten meiner Galerie, oder neuer Entdeckungen und Empfehlungen.

So weit, so gut.

Aber dass aus einer virtuellen fb Begegnung eine Freundschaft und ein Ausstellungs- und Buchprojekt entsteht hätte ich nie gedacht und hat für mich eine besonderen Reiz ausgeübt. Und ist natürlich für mich ein Novum.

 

Die Geschichte möchte ich kurz erzählen. Als ich das erste mal Posts von Julia auf fb sah, war mir sofort klar, daß sie anders ist. Nicht einfach nur anders, sondern auch ein kleines eigenes aufgeladenes Universum. Sie strahlt so eine solitäre Unabhängigkeit aus, die mich sofort gefesselt hat. Anfangs waren das eigenartige Photos. Julia Kopfstand machend, nachts inmitten einer Pariser Strasse. Julia als Shiva. Oder immer wieder frech provokant erotische Photos, die aber auch irgend eine Geschichte zu erzählen wussten. Dann schräge Instagram Photos von Lebensmittel Arrangements oder düstere verunstaltete und verrückte Barbiepuppen, bei denen man sich immer fragt, ob sie nicht auch hier und da für eine Art Tagebucheintragung stehen. Mir war klar, hier will jemand etwas mehr erzählen als all die Mädels, die sich überwiegend im Selfieland aufhalten, oder ihre Katzen und Hunde bis zur Schmerzgrenze posten.

 

Dann tauchten auf einmal immer mehr ihrer Zeichnungen auf. Der Moment in dem wir direkt in Kontakt traten. Diese Zeichnungen waren zu Beginn unbeholfen, aber durchaus talentiert. Ich habe angefangen ihr einige einfache Tips zu geben. Und unsere Freundschaft nahm ihren Lauf. Mir war klar das es sich eher um ein Experiment handelt. Ausgang offen. Aber mit jeder Zeichnung wurde der Strich, die Kompositionen sicherer. Die Geschichten die sie erzählt sind im besten Sinne, Contemporary. Zeitgeist einer jungen Frau, die ja auch einer völlig anderen Generation angehört, was mich zusätzlich neugierig gemacht hat. Hinzu kamen die Portraitphotos ihrer Freundin Lena Vazhenina. Photos, Zeichnungen Posts, Instagram Photos, Kommentare, Einzeiler....die Welt der Julia. Oft vielleicht nicht einsame Frauen, doch zumindest alleinsam in einer Welt die sich zwischen kindlicher scheinbar naiver Realitäten bis zu den dunklen Seiten unserer Seele aufspannt. Oft aber auch, egal ob erotisch oder nicht, verspielte und assoziative Bilder die "berühren". Warum hatte ich die ein oder andere Gedankenassoziation eigentlich nicht schon eher? Oder war sie tief in meinem Unterbewussten und wird durch ihre Zeichnungen ans Tageslicht katapultiert? Aber Freunde wurden wir dadurch schon. Ohne uns je bis zu dem zeitpunkt getroffen zu haben.

 

All diese im besten und gutem Sinne "verrückten" Zeichnungen haben mich magnetisiert. Und viele Fragen gestellt. Die Hauptfrage war natürlich, wer ist diese junge Frau? Wir trafen uns dann an einem Wintertag in Berlin. Lustig und unerwartet war ihre bescheidene, fast unscheinbare Art sich zu kleiden und zu geben. Gar nicht so, wie ich sie erwartet hatte. Gepaart allerdings mit freundlichen offenen Augen und mit einem klaren Willen was ihre Kunst betrifft. Ich mußte unweigerlich an das schöne Zitat Nekrassows denken

 

Es gibt in russischen Landen Frauen
Mit ruhig ernstem Gesicht,
Mit schöner Kraft in den Bewegungen,
Mit dem Gang, dem Blick von Königinnen.

 

Aber bei Julia kommt hinzu, daß ihre Ernsthaftigkeit schnell überwechselt in ein faszinierend offenes Lächeln wenn mal wieder etwas nicht so geklappt hat wie geplant. Das war sie also. Es waren nur einige wenige Worte nötig um das Buch und Ausstellungsprojekt fest zu planen.

 

Im Spätsommer/Herbst 2015 lebte sie dann mehre Monate mit ihrer Freundin Aleksandra zusammen in einer Wohnung im Prenzlauer Berg. Diesem Umstand habe ich einige der fröhlichsten und amüsantesten Abende, und wir alle hier die Texte zu verdanken. Kleine Momentaufnahmen, die vieles berichten und erzählen wenn man sie in Bezug zu den Zeichnungen stellt. Dem Betrachter bleibt somit die Möglichkeit sich seinen eigenen "Reim" und Geschichte zusammen zu bauen.

 

Schön, dass man mit noch so vielen Worten und auch nicht mit einer Ausstellung und einem Buch all die Fragen und Rätsel erklären kann.

 

Aber wir wollen hier ja auch etwas zeigen, vorstellen und nichts erklären. Die Welt der Julia sagt sie besteht aus Thesen, Behauptungen ihrer Gedanken. Freiheit und Unabhängigkeit künstlerisch zu übersetzen ist ihr und auch Lena´s Anliegen in Zeichnungen, Photographien und Einzeilern. Ich kann mich an einen kurzen Text von Aleksandra erinnern.

 

...wir sind Alles und alle Möglichkeiten. Für einige sind wir das ganz Besondere, oder die sich Kümmernde, die Unerreichbare, die Psycho Schlampe, oder die distanziert cool Entspannte. Für andere die kalte Schneekönigin, oder auch die heisse Miezekatze. Und wir sind doch immer nur die eine Person....

 

Schöner kann man all die Bilder, die beim Betrachten entstehen kaum beschreiben.

 

Lena ist das perfekte Gegenstück und und gleichzeitig Ergänzung in dieser Künstlerfreundschaft. Mit ihrer Präzision und ihren disziplinartigen Arrangements verwandelt sie Julia in all diese verschiedenen Frauenrollen, die mit den Zeichnungen eine großartige Symbiose eingehen. Mit zärtlich freundschaftlichem Auge schafft Lena eine Welt in der sich die beiden Künstlerinnen perfekt ergänzen. Schönheit, Verwandlung, Laszivität, Erotik, Spiel und ein untrügliche Gespür für den Augenblick.

 

Ich möchte mit einem Zitat des wunderbaren Harry Graf Kessler aus dem Jahr 1895 enden, welches mir mir bei dem Betrachten der Bilder sofort in den Sinn kam.

 

....was ihnen Schönheit ist: die momentane Vollendung ihres Ichs. Sie werden zur Kunst getrieben durch die Sehnsucht auf Augenblicke wenigstens ihre geschwächte Persönlichkeit stark, ihre zersplitterte Seele Eins, ihr flüchtiges Ich dem ewigen Wandel entrückt zu fühlen.
- Volker Diehl