TURI SIMETI

ALCAMO

TURI SIMETI
18.09.2015 14.11.2015
DIEHL
Berlin
ALCAMO

Aus dem Licht Siziliens
Zur Werkgruppe Alcamo I – X von Turi Simeti

Im Sommer dieses Jahres fand im Martin-Gropius-Bau in Berlin die große Übersichtsausstellung  „ZERO – Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre“ statt, und es war das Verdienst der Kuratoren, Zero als eine internationale Bewegung in Europa mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen bewusst gemacht zu haben. War der Schwerpunkt dieser Bewegung einst im Rheinland verortet, wird „Zero“ in der Rückschau heute als weit darüber hinaus wirkende Avantgarde wahrgenommen, die an verschiedenen Orten Europas ähnliche Themen erprobt. „Zero“ wird zum Begriff für eine Abstraktion, die nach den Innovationen der „gegenstandslosen Welt“ eines Kasimir Malewitsch zu Beginn der 1920er Jahre oder dem Aufbruch der Konstruktivisten und Konkreten eben jene Errungenschaften von Flächen, Geometrie und Monochromie um die Komponente Licht erweitert und damit Abstraktion um jene kategoriale Bestimmung bereichert hat, die zugleich einen Neuanfang „von Null (Zero) aus“ eröffnet. Denn Licht als Thema der Abstraktion ist sowohl abhängig vom Ort des Entstehens als auch vom Ort der Präsentation. Licht wirkt auf die Bewegung des Betrachters und bezieht seinen Standort im Raum immer mit ein, ja Kinetik wurde für viele Künstler deshalb Teil des Werkes, aus dem Urbild des Licht-Raum-Modulators der Jahre 1922 – 1930, den László Moholy-Nagy selbst nie ausführen konnte, wird Bewegung und Licht zu einem zentralen Motiv für Zero. Für die Vertreter der geometrischen Abstraktion bis zu „Interaction of Color“ von Josef Albers war Raum ein geistiger Raum im Sinne eines mehr oder weniger spirituellen Kosmos hinter dem Bild. Mit Zero wird Raum ein geistiger Raum vor dem Bild, den dieser mit dem Betrachter teilt, indem er sich vom Lichteinfall auf das Werk leiten lässt.

Zweifellos ist Licht, so wie es alltäglich und tagsüber in Erscheinung tritt, in den südlich-mediterranen Gefilden ein anderes als in nördlichen Gegenden Europas. Dramatische Wettererscheinungen und daraus resultierende Lichtphänomene haben beispielsweise die Landschaftsmalerei des Nordens geprägt und lassen oftmals Stimmungen aufkommen, die wir als überwältigend-cineastische Effekte begreifen, wohingegen Licht im Süden stetiger ist, weniger von Gegensätzen des Wetters beeinflusst wird und dauerhafter die Monochromie eines „blauen Himmels“ garantiert. Im Licht des Südens werden auch Landschaft und Vegetation anders gefärbt. Vieles ist der Sonne ungeschützt ausgesetzt und bezieht aus dieser Belichtung eine andere Farbigkeit, die sich vor allem in ihrer Farbtonigkeit ausdrückt. Farben erscheinen getrocknet, wie Sand, erdiger, stumpf, aber auch wärmer.

So verwundert es kaum, wenn Turi Simeti, ein Künstler, geboren 1929 in Alcamo, Sizilien von seinen künstlerischen Anfängen an den stilistischen Merkmalen der ZERO-Bewegung zuzuordnen ist. Von Alcamo aus schafft er Gemälde, die diese Stimmung der vom Licht beeinflussten Aspekte zum Ausdruck bringen.  Wie eine Hommage an diesen Ort trägt die aktuelle Werkserie aus dem Jahre 2015 diesen einen Titel: Alcamo I – X.

Zehn Leinwände erscheinen im Maß von 100 x 100 cm im gleichen quadratischen Format. Sie unterscheiden sich in der Farbigkeit, und, um die Individualität des jeweiligen Werkes herauszustellen, in reliefartigen Oberflächenbrechungen, die mittels der Leinwand hinterlegten ovalen Flächen erzielt werden. Die Monochromie ist gewahrt, die Oberflächenmorphologie der Leinwand ist jedoch manipuliert und  versucht Strukturen, Bewegung und damit ein Spiel von Licht und Schatten zu evozieren. Man mag die ovalen Motive als verschmitzten Verweis auf das „O“ in Zero = Null lesen; als wiederholte Folge von erhabenen bzw. in die Tiefe gezogenen Formen bilden sie eine regelmäßige Komposition innerhalb der Monochromie, die nur aufgrund der unterschiedlichen Lichtbrechungen an diesen Stellen sichtbar wird. Farbe ist an allen Stellen gleichwertig aufgetragen. Sie wurde in einer technischen Perfektion auf die Leinwand gebracht, dass jede Handschrift des Künstlers vermieden wird, kein Gestus, kein expressives Spiel mit der Textur der Farbe als Materie. Farbauftrag verschwindet und scheint gar mit der Leinwand eins zu werden, so als handle es sich bei ihr um eingefärbte Stoffe. Dies alles bewirkt, uns als Betrachter auf diese Bewegungen innerhalb des Gemäldes zu konzentrieren, die wie Inseln an den Einformungen der Oberfläche das Licht sichtbar machen, weil es dem Gleichmaß im Gleichgewicht der quadratischen Formate Widerstand leistet.

Unser Blick verfängt sich an den Ausstülpungen: Alcamo I weist eine Kreisformation auf, Alcamo X zitiert im Inneren das Format des Äußeren, Alcamo III überzieht eine lineare Abfolge dieser Ovaloide, wirkt wie Spuren im Sand, Alcamo IV, nun in einem lichten Blau gefasst, wirkt wie eine Wolkenformation, Alcamo V erscheint wieder in reinem Weiß mit einer Lineatur, die vertikal geführt ist. Alcamo VI erweist sich als der größte Kontrast zu den bisher vorangegangenen Ausführungen, dunkelblau, wie die Nacht mit drei großen Ovalen darin, so als atme man langsamer, tiefer. Alcamo VII ist wieder licht, im Sinne von leicht. Alcamo VIII weist drei Intervalle auf, die in Alcamo IX sich zu einer diagonalen, kaum sichtbaren Spur verlieren, um schließlich in Alcamo II zu einer Miniatur verdichtet zu werden, die wie ein Bild im Bild wirkt.

Diese Publikation ist so angelegt, dass Turi Simeti jeder Abbildung der einzelnen Gemälde eine Auswahl scheinbar gewöhnlicher, wie willkürlicher Fotografien folgen lässt – Schnappschüsse, die ein Panorama seiner sizilianischen Lebenswelt abbilden. Wer genauer hinsieht, entdeckt sehr bald, dass in diesen Abbildungen versteckt oder angedeutet die konzeptionellen Ursprünge  enthalten sind, die zu den unterschiedlichen Kompositionen der Ovaloide, der Farbbestimmungen der Leinwände dieser Werkgruppe geführt haben. Es sind diese Motive der Alltagskultur Siziliens, die Simeti zu abstrakten Gemälden führen. Das scheinbar Gegenstandslose seiner Gemälde erweist sich als verwurzelt in konkreten Vorstellungen, deren gemeinsame wie verbindende Erfahrung im Erlebnis des Lichts liegt.

Kunst ist immer auch Übersetzung. So wie man Worte und Begriffe von der einen Sprache in eine andere übertragen kann, jede Sprache aber auch einer ihr innewohnenden grammatikalischen Struktur folgt, kann man nicht immer die Stimmung oder Melodie einer Sprache 1 : 1 zum Ausdruck bringen. Jede Übersetzung ist ein Abstraktionsprozess. So ist diese visuelle Enzyklopädie von Turi Simeti  als der Prozess einer Übersetzung zu werten, einzelne Vokabeln seiner Bilderfindung zu benennen, die Syntax des Ganzen jedoch unübersetzt zu belassen, weil sie ihrer eigenen visuellen, vom Licht geprägten Sprache folgt.

Friedrich Meschede